Wenn Gedanken verästeln

Es sind meine Gedanken, die hier sichtbar werden. Verästelt, greifend, suchend. Ein Innenraum, der nach außen greift und sich um das legt, was mir begegnet. Für diesen Moment im Einklang mit der Natur. Keine klare Grenze zwischen dem, was draußen ist, und dem, was in mir wächst.

Ich habe lange geglaubt, Gedanken seien etwas Abgeschlossenes. Etwas, das im Inneren entsteht und dort bleibt. Doch je länger ich mich der Natur aussetze, Bäumen, Ästen, Linien, Schatten, Spiegelungen, desto deutlicher wird mir: Gedanken wachsen. Sie folgen keiner Ordnung. Sie verzweigen sich, greifen aus, verlieren Richtung. Wie Äste.

Beim Fotografieren verschiebt sich etwas. Ich richte die Kamera nicht auf ein Gegenüber und bleibe außen vor, sondern gerate selbst in den Raum, der sich öffnet. Ich bilde nicht ab, was vor mir ist. Ich werde Teil dessen, was sichtbar wird. Der Baum steht nicht mir gegenüber. Er greift in meinen Innenraum, und ich greife in seinen.

In diesem Moment werde ich selbst zum Motiv. Nicht als Körper, nicht als Gesicht, sondern als Zustand. Als Denken, das sich verästelt. Als Wahrnehmung, die greifend wird. Die Fotografie hält nicht den Baum fest, sondern den Augenblick, in dem Innen und Außen ihre Trennung verlieren.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem Fotografie aufhört, Beobachtung zu sein, und zu einer Form von Beziehung und Resonanz wird. Raum greift aus mir heraus und übersetzt die Dinge. Nicht, um sie zu besitzen, sondern um ihnen Dasein zu ermöglichen. Der Baum grenzt sich nicht. Und ich grenze mich ebenso wenig ab.

Was bleibt, ist ein Bild, in dem sich etwas eingeschrieben hat. Kein vertrauter Raum, sondern ein offener. Einer, in dem ich mich selbst ein Stück verliere und gerade dadurch sichtbar werde. Natur (und Menschen) ist hier nicht (nur) Motiv. Ich bin es. Und zugleich etwas, das sich im Anderen auflöst.

(Inspiration Rilke)

 

 

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