Selbstauslöser

Im letzten Blogbeitrag drehte es sich um das Sichtbarwerden. Und auch während eines Coachings Anfang des Jahres war mir das Thema näher als gedacht.

Während dieses Coachings begann ich, Selbstporträts zu machen.

 

Es ist kein Plan, eher ein Nachgeben, als würde etwas in mir leise aufstehen und sagen: jetzt. Ich richte die Kamera nicht streng aus, ich taste mich eher in einen Raum hinein, in dem ich gleichzeitig Bild und Blick bin.

 

Sehr nah gehe ich an mich heran. Manchmal zu nah für den Blick, den ich sonst auf mich richte. Dieses allerdings geschützt durch spiegelnde Scheiben oder reflektierende Oberflächen. Diese neue Nähe verändert etwas Grundsätzliches: Die gewohnte Distanz zwischen mir und meinem eigenen Bild wird fragil, als würde sie an den Rändern weicher werden und langsam ausfransen.

Ich arbeite mit einem Fernauslöser auf meinem Handy. Ein unscheinbares technisches Detail, fast beiläufig. Und doch verschiebt es alles. Ich stehe oder knie vor der Kamera und löse den Moment nicht mehr direkt aus, sondern aus der Entfernung meiner eigenen Hand. Der Auslöser ist nicht mehr am Körper der Kamera, sondern liegt in meiner Handfläche, als kleine Schnittstelle zwischen Nähe und Abstand.

 

Ich drücke. Und gehe zurück in den Raum, in mich selbst zurück, ohne zu wissen, wann genau das Bild entsteht. Diese minimale zeitliche Unschärfe zwischen Handlung und Ergebnis verändert den Blick. Sie entzieht mir die Kontrolle über den exakten Moment und öffnet etwas, das ich nicht planen,

nicht kontrollieren kann.

Die Bilder entstehen nicht als Serie, sondern als Zustände. Einige sind unscharf, als hätte sich der Körper im Moment des Sehens gerade erst gesammelt. Andere zeigen mehr Haut, mehr Oberfläche, als ich es sonst zulasse. Fragmente eines Körpers, der mir vertraut ist und zugleich fremd bleibt, als würde er sich im Licht neu sortieren. Haare, Silhouetten, Details.

Und während ich fotografiere, geschieht etwas, das nicht im Bild bleibt. Die Aufnahmen beginnen etwas in mir auszulösen. Keine plötzliche Reaktion, eher ein langsames Nachziehen, als würde das Bild zeitversetzt in mir ankommen. Eine Mischung aus Verletzlichkeit, Neugier und einem stillen Staunen darüber, dass ich mich selbst sehe, ohne vollständig zu steuern, wie.

 

Die Kamera – oder besser: das Zusammenspiel aus Kamera, Raum und Fernauslöser – wird zu einem Gegenüber. Nicht im Sinne eines Blicks, der bewertet, sondern eines Blicks, der bleibt, ohne festzuhalten.

Vielleicht sind diese Selbstporträts weniger Bilder von mir als Bilder zu mir. Keine Festschreibungen, sondern Annäherungen an etwas, das sich nur zeigt, wenn Kontrolle und Loslassen sich so nahekommen, dass dazwischen ein schmaler Spalt entsteht.

 

Ich drücke auf meinem Handy.
Die Kamera löst aus.
Und in diesem winzigen Abstand beginnt im Selbst etwas sich zu lösen, das vorher keinen Namen hatte.

Kommentar schreiben

Kommentare: 5
  • #1

    Cornelia (Mittwoch, 25 März 2026 22:36)

    Was für ein schöner, tiefer Text, Danke für die Inspiration !

  • #2

    Doris (Donnerstag, 26 März 2026 07:54)

    Liebe Cornelia, ich danke dir sehr für deine Rückmeldung. Und freue mich, ein wenig von meiner erlebten Inspiration teilen zu dürfen.

  • #3

    Dietmar (Donnerstag, 09 April 2026 13:50)

    Danke für das fein bewegt-bewegende Bild. Für deine Gedanken im und zum Schaffen und Entdecken. Manchmal kratzt der Text, den ich da lese, meinem Empfinden nach gar am Kitsch. Er kratzt, nur um grad im nächsten Moment diesen meinen Eindruck Lügen zu strafen und mit einer Tiefe und Feinfühligkeit aufzuwarten, von der ich gerne mehr lesen würde. Nicht nur aus deiner Feder. Sondern aus vielen sich in dieser Welt Äußernden.

    "Sie entzieht mir die Kontrolle über den exakten Moment und öffnet etwas, das ich nicht planen, nicht kontrollieren kann." Das Verfahren, das du, das sich seit einer Zeit entwickelte, führt zu Kunst. Deiner Kunst in diesen Tagen. Mein Wunsch wäre, die Frauen und Männer, die sich um die Politik in diesem Land mühen, jene, die die Politik in der Welt geschehen lassen, all diese Menschen aus Fleisch und Blut, all diese in ihrem Jetzt, ließen sich ein auf deinen Rat. Es öffnete sich etwas. Das Verb im darauffolgenden Satz lautet "entstehen". Dieses Enstehen beschreibst du als etwas Neues, mit neuer Qualität. Ja, das wünschte ich sehr in dieser, meiner Welt.

    "Eine Mischung aus Verletzlichkeit, Neugier und einem stillen Staunen" notierst du einige Zeilen später. Und auch hier gilt, es beschränkt sich nicht auf das Intime, das Private, es strahlt gleichermaßen als Aufforderung - und vielleicht Versprechen - in die Gestaltung unserer Welt.

    So ist die Welt nicht, nicht in diesen Tagen.
    Doch das Erstarren des So-war-so-ist-so..., dieses Erstarren ist nicht die ostertägliche Zusage, die jüngst Einfluss nahm/nimmt, auf erstes Notieren dieser Sätze an dich.

    Ums zu wiederholen: Danke.

  • #4

    Dietmar (Donnerstag, 09 April 2026 13:51)

    PS:
    Einmal mehr fällt mir Kaschnitz' Gedicht "Auferstehung" ein. (https://www.deutschelyrik.de/auferstehung.html)

  • #5

    Doris (Donnerstag, 09 April 2026 18:53)

    Lieber Dietmar, ich habe zu danken �

Copyright © 2026 Doris Kohlhas