Vom Sehnen, das sucht

Zwei leere Kreise

Schnittmenge löst sich auf

Sehnsucht bleibt unbeantwortet


Sehnsucht als Beziehung braucht Resonanz. Sehnsucht als innerer Zustand braucht nur Raum. Die erste darf enttäuscht werden. Die zweite bleibt, ohne sich zu verlieren. Was bleibt von ihr? Wie empfinde ich sie? Macht sie mich leer? Oder (er)füllt sie mich?

 

SEHNSUCHT DURCH DIE ZEIT

Sehnsucht ist alt. Älter als jede Sprache. Doch jede Epoche formt ihr eigenes Gefäß. In der Antike ist sie Heimkehr. Odysseus will zurück nach Ithaka. Bei Platon ist sie das Streben nach Ganzheit, nach dem fehlenden Teil.

Im Mittelalter wird sie Licht nach oben. Mystiker wie Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen suchen die Nähe zum Göttlichen. Sehnsucht wird Feuer, das über die Welt hinauszieht.

Die Romantik öffnet den Raum. Novalis schreibt: Die Sehnsucht geht durch die Welt. Kein Ziel mehr, nur Bewegung. Nebel, Landschaft, Ferne.

Im 19. Jahrhundert färbt sich Sehnsucht dunkler. Schopenhauer erkennt im Wollen ein nie endendes Mangeln. Sehnsucht wird Teil des existenziellen Grundtons.

Im 20. Jahrhundert zerfällt ihr klarer Gegenstand. Nach den Katastrophen der Geschichte bleibt sie als Fragment. Geworfenheit, Sinnsuche, Bruchlinien.

Heute bewegt sie sich im digitalen Zwischenraum. Antworten bleiben aus, obwohl alles erreichbar ist. Sehnsucht zeigt sich im „online“, das niemand erwidert. Im Warten ohne Ende.

 

STIMMEN

Novalis: „Die Sehnsucht geht durch die Welt.“ Nicht Ziel, sondern Zustand.

Rilke: Nicht alles will sofort erfüllt werden. Manches wächst nur im Offenen.

Hesse: Der Mensch ist unterwegs. Sehnsucht ist kein Ort, sondern Richtung.

 

ZWISCHENRAUM

Vielleicht ist Sehnsucht kein Mangel, sondern Spannung. Kein Fehler, sondern ein Zwischenraum. Zwischen dem, was ist, und dem, was möglich bleibt.

Sie führt nicht zur Lösung, sondern in Bewegung. Und vielleicht ist genau das ihre Kraft: Dass sie uns nicht ankommen lässt. Das passt zu mir.

 

Sehnsucht hat viele Formen gehabt: Heimat, Gott, Unendlichkeit, Mensch. Ihr Kern bleibt eben jene Bewegung auf etwas zu, das nicht fest wird.

Vielleicht sogar flüchtig und das auch bleiben wird und muss. Und vielleicht ist ihre eigentliche Wahrheit nicht Erfüllung, sondern das Weitergehen. 

Wie zwei Kreise, die sich fast berühren.

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Thomas Klinkenberg (Mittwoch, 29 April 2026 19:59)

    Danke für einen Beitrag, der mich zum Nachdenken anregt.
    Sehnsucht hat auch etwas von Geh‘n und Flucht, von Zielen, die ich vielleicht nie erreiche, sie aber trotzdem anstrebe und glücklich damit bin. Sehnen als Flucht vor dem Sein. Auch das, aber nicht vor der Realität.
    Sehnsucht und Träume sind Geschwister, Realität ein naher Verwandter. Sehnen und die Gedanken sind frei, die Sucht macht es zwanghaft, die Mitte zu finden, den Rhythmus, ….ach, ich fange erstmal das Denken an.

  • #2

    Doris (Mittwoch, 29 April 2026 20:23)

    Guten Abend Thomas, ich danke dir.

    Genau das mögen meine Beiträge sein. Andere Menschen zum Mitdenken, Mitschwingen oder auch Weiterdenken anregen, inspirieren. Gedanken entwickeln, einen Schritt zurücktreten, wenn sie sich verrennen, sie sanft zurückholen und sich einpendeln lassen auf einem gewissen Grad der Wahrhaftigkeit. Oft in der Mitte zu finden ...

Copyright © 2026 Doris Kohlhas