Über das Sichtbarwerden II

Es gibt Bilder von mir, vor denen Menschen lange stehen bleiben. Sie treten näher. Manchmal sehr nah. Sie erzählen mir, was sie darin sehen. Oder was sie plötzlich erinnert. Manche werden still. Andere beginnen zu sprechen, fast überraschend offen. Doch nehmen sie die Fotografien nicht mit nach Hause.

 

Das beschäftigt mich.

 

Nicht nur wirtschaftlich, obwohl auch das Teil der Realität von Kunst ist. Sondern auf einer anderen Ebene: Was geschieht eigentlich zwischen Berührung und Entscheidung? Zwischen Resonanz und Besitz?

 

Nach „Tea and Talk“ im Frauenmuseum Bonn während der Ausstellung zu Ida Dehmel begleitet mich diese Frage weiter. Dort ging es um Sichtbarkeit. Um Präsenz. Um den Mut, mit der eigenen Arbeit in einen Raum zu treten. Bilder zu zeigen, die nicht laut sind. Nicht eindeutig. Nicht schnell. Vielleicht gehört genau das ebenfalls zum Sichtbarwerden: sichtbar zu sein und dennoch nicht gewählt zu werden.

 

Ich frage mich manchmal, ob meine Arbeiten zu wenig festhalten. Ich als Meisterin der Zweifel. Ob sie sich zu sehr im Dazwischen bewegen. Viele meiner Fotografien entstehen zwar mit nur einer Auslösung, gleichzeitig immer aus Schichten. Spiegelungen. Überlagerungen. Aus etwas, das sich gerade entzieht und doch für einen Moment sichtbar wird. Wasseroberflächen, zerbrochene Spiegel, Durchblicke, Fragmente, Spuren. Nichts darin ist ganz abgeschlossen. Da sind Fische unter bewegtem Wasser, kaum greifbar zwischen Licht und Stein. Da ist diese sitzende Figur in einer alten Industrieanlage, das Gesicht ersetzt durch ein Fenster. Kein eigentliches Porträt. Eher eine Öffnung. Ein Versuch von Sehen. Nicht unbedingt ich und doch so viel von mir. Vielleicht liegt genau darin eine Spannung.

 

Denn ein Bild zu kaufen bedeutet möglicherweise mehr, als ein Bild zu mögen. Es bedeutet, ihm einen Platz zu geben. Im eigenen Alltag. Im eigenen Raum. Im eigenen Leben. Nicht jedes Bild möchte dekorieren. Manche bleiben Fragen. Vielleicht spüren Menschen das. Vielleicht bleiben sie deshalb lange stehen und gehen dennoch weiter.

 

In letzter Zeit frage ich mich auch, wie Sichtbarkeit heute funktioniert. Ob man als Künstlerin ständig präsent sein muss. Ob Nähe entsteht oder eher eine Art Gewöhnung. Ob Bilder etwas von ihrer Eigenwilligkeit verlieren, wenn sie jederzeit verfügbar sind. Geht es darum, sich rar zu machen oder achtsamer mit Sichtbarkeit umzugehen? Nicht alles sofort zu zeigen. Nicht jeden Prozess unmittelbar nach außen zu tragen. Arbeiten reifen zu lassen. Räume entstehen zu lassen, statt nur Inhalte. Oder eben doch, die Betrachter und Interessierten einzuladen, diesen Prozess zu sehen.

 

Ich merke: Meine Fotografien entstehen nicht aus Eindeutigkeit. Sie entstehen aus Annäherung. Aus einem langsamen Sehen. Aus einem Prozess und einer Entwicklung. Vielleicht brauchen sie genau deshalb auch Zeit beim Gegenüber. Wie ein Nachbild auf der Netzhaut. Oder wie ein Gedanke, der erst Tage später wieder auftaucht.

 

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