Nach knapp drei Stunden Fahrt parke ich an den Fischteichen. Komme von zu Hause und fahre ins Zuhause. Oder wie jetzt?
An den Fischteichen gibt es noch das schicke Restaurant. Mittlerweile ein wenig in die Jahre gekommen. Nicht verloren, eher verschoben im Glanz, als hätte die Zeit den Lack anders
verteilt. In einem der Teiche liegen Ruderboote. Marode, malade, schwer geworden von Wasser und Jahren. Ich erinnere sie anders: Mitte der 80er, neu, strahlend, bereit, uns zu tragen.
Wir waren jung und ruderten. Oder standen auf dem Minigolfplatz daneben, als wäre Bewegung selbstverständlich und ohne Zweifel.
Jetzt hängen einige der Ruderboote in den Bäumen. Sie sind Teil eines Kletterparks geworden, als hätte jemand Erinnerung umgebaut.
Auf dem Weg zum Hotel fahre ich einen Umweg. Nicht aus Versehen. Ganz bewusst. Auf der Suche nach Resonanz. Thuner Siedlung. Mastbruchviertel. Straßen mit Vogelnamen. Habichtssee. Falkenweg. Nummer 13. Mein ehemaliges Zuhause. Mein Elternhaus ist längst verkauft, umgebaut, neu bewohnt. Meine Eltern geschieden, verstorben. Kein Anlaufpunkt mehr in der alten Form. Keine weitere Verwandtschaft. Keine Freunde im engeren Sinn, die geblieben wären.
Und doch ist alles da. Der Wald, in dem ich „Butzen“ gebaut habe. Die Nachbarschaft, für die ich DIE Babysitterin war. Die Wege mit dem Fahrrad zur Schule. Nicht nur dorthin. Im Winter der Bus, als wäre er eine andere Schicht derselben Welt. Alles Erinnerung. Gleichzeitig nichts, das sich festhalten lässt.
Was machen meine Gefühle? Sie sind nicht laut. Eher ein Raum, der nicht mehr vollständig beleuchtet ist. Nicht leer, aber auch nicht besetzt. Im Nebel.
Hier war ich einmal zu Hause. Lange Zeit sogar. Doch spüre ich nicht so wirklich was. Liegt es daran, dass ich vorbeieile?
Nicht stehen bleibe? Es nicht kann, nicht möchte, mir nicht zumute.
Dann das Treffen am Abend. 40 Jahre Abi. Wie das klingt. Uralt. Doch, keine bleiernen Rückblicke, sondern Räume und Begegnungen voller Luft. Lebendigkeit, Augenhöhe, Wohlwollen. Leichtigkeit, die nicht gemacht ist, sondern einfach da. Ausgelassenheit, die sich selbst trägt. Tanzen bis in die frühen Morgenstunden, als hätte die Nacht keine Grenzen. Menschen, die mir vertraut waren vor über 40 Jahren. Noch sind. Menschen, deren Namen ich vergessen habe, vielleicht sogar solche, mit denen ich kaum sprach. Und doch diese Selbstverständlichkeit im Wiedersehen. Als würde Zeit nicht trennen, sondern neu sortieren.
Ein Geschenk.
Für einen Moment ist alles möglich und gleichzeitig vollkommen gegenwärtig. Kein Gedanke daran, was später fehlen könnte. Nur das Jetzt, das sich selbst genügt. Ein anderer Zustand von Zuhause: lebendig, offen, heiter, zugewandt, vollständig im Moment.
Der Morgen danach. Wenig Schlaf. Eine Mischung aus Erschöpfung, Wehmut und erfüllt Sein. Ich merke, wie viel und wie wenig von damals zu mir durchdringt und gleichzeitig den Impuls, all das fotografisch zu fassen: Erinnerung, dieses merkwürdige Zwischengefühl von Zugehörigkeit und Distanz.
Als könnte die Kamera etwas festhalten, das sich eigentlich nur im Vorübergehen zeigt. Lassen sich Wurzeln oder besser gesagt Bäume, die daran hängen, verpflanzen oder bleiben sie an einem Ort? Oder haben sie gar keinen festen Ort?
Der Versuch muss warten. Nicht bis in fünf Jahren, sondern auf einen anderen, näheren Besuch, der sich noch nicht genau zeigt. Jetzt bleibt es bei Annäherung. Bei Fragmenten. Bei Bildern, die sich ankündigen, aber noch nicht entstehen. Vielleicht nur leise in meinem Kopf und Herzen.
Parallel ist etwas in Bewegung geraten: ein gemeinsames Projekt mit einem ehemaligen und „wiedergefundenen“ Kommilitonen zum Thema Heimat.
Als zweite Perspektive, als Gegenüber, als Dialog.
Vielleicht beginnt Fotografie genau dort, wo Erinnerung nicht mehr genügt.

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